„Ah, die meisten hier kenne ich ja“, sagt Göran Pohl und nickt zufrieden in die Runde. „Da sitzt mein Nachbar und dort mein alter Fußballtrainer.“ Es hat ein wenig gedauert, bis die Technik-AG des ESZMs endlich die Präsentation zum Laufen bringt. Schließlich kommt es bei diesem Referenten im Michelbacher Schlossforum Anfang Dezember auf jedes Bild und jeden Ton präzise an.Professor Diplom-Ingenieur Göran Pohl ist Architekt und lehrt im Augenblick an der „Schule für Architektur Saar, Hochschule für Technik und Wirtschaft des Saarlandes“. Außerdem ist er aus Michelbach. Gleich ums Eck Richtung Hagenhofweg ist er groß geworden, ist mit dem Mofa durch die Gegend geknattert, um überhaupt aus Hohenlohe rauszufinden, hat am Gymnasium bei St. Michael Abi gemacht und ist nach Stuttgart zum Studium gegangen. Pohl ist ein Dorfkind, aber er ist es nicht geblieben.
Denn in Stuttgart begegnet Göran Pohl als junger Student Frei Otto und studiert an dessen Institut für Leichte Flächentragwerke. Frei Otto gehört zu den bedeutendsten Architekten des 20. Jahrhunderts. Weltberühmt wird er durch das zeltartige Dach im Münchner Olympiapark. Bei Frei Otto lernt Göran Pohl etwas, dass ihn von nun an fesseln wird: Die Verbindung von Technik und Natur.
Pohl führt sein Publikum zielgerichtet ausgehend von dem wellenförmigen, schneeweißen Dach der Eislaufschnellhalle vor Alpenkulisse in Inzell zu Pavillons aus Holz oder Basaltfaser, die im Saarland in einem Bannwald platziert wurden. Dort liegen sie wie von Aliens ausgesetzte Raumschiffe in Nebel gehüllt und dienen der heimischen Rap-Szene als Kulisse für Musikvideos.
Allem architektonischen Schaffen liegt Pohls hoher ästhetischer Anspruch und seine Auseinandersetzung mit dem Verhältnis von Natur und Technik zu Grunde. Mal zeigt er seinem staunenden Publikum Bilder von Algen unter dem Mikroskop, deren Struktur er in den Waben seiner Bauten imitiert. Mal verschmelzen Gebäude und umgebende Natur miteinander und heben den Widerspruch zwischen künstlich Geschaffenem und natürlich Gewachsenem auf.
„… Der Gipfel des Berges funkelt im Abendsonnenschein“, zitiert Pohl Heinrich Heines wohl berühmtestes Gedicht „Die Loreley“. „Sehen Sie, hier funkelt es und hier...“ sagt er und zeigt auf die Spiegelung der Bäume in seinem gläsernen Felsbrocken, den er als Ausstellungsraum fürs Unesco-Welterbe direkt auf Deutschlands berühmtesten Rheinfelsen gelegt hat.
„Sind Sie eigentlich Architekt oder Künstler?“ fragt jemand aus dem Publikum. „Künstler“, antwortet Pohl. Er arbeitete mit und für den amerikanischen Künstler Frank Stella und stellt vor das historische Straßendepot in Jena zu dessen Ausstellung einen quallenartigen leuchtenden Pavillon mit Namen „COCOON_FS“, der wie eine eigene Skulptur wirkt.
Pohls Werke werden von ihm selbst dokumentiert. Manche der teilweise monumental anmutenden Fotografien sind wiederum Kunst. Die Fotografien seiner Pavillons in der Wüste Nordafrikas wirken beinahe schon gemalt.
So gelingt dem Architekt Technik und Natur in seiner Kunst zu verschmelzen. Die Grenzen sind plötzlich fließend. Was ist natürlich? Was ist Kunst? Göran Pohl spricht konzentriert eine gute Stunde. Die Skepsis seines Publikums ist längst verflogen. Die fotografischen Strukturcollagen des Basisfaches Kunst der Kursstufe II an den Stellwänden des Andachtsraumes geben einen Hinweis darauf, dass Pohls Ideen auch in der nächsten Künstlergeneration weiter leben.
„Toll,“ sagt er, „eigener Honig aus Michelbach.“ Er nimmt Schulleiter Ralph Grubers Geschenk aus der schuleigenen Imkerei gerne entgegen. Ausgestellt hat er in Paris, Warschau, Berlin. Vermutlich spricht er sonst vor vollen Hörsälen. – Aber er vermag es auch kleine Räume zu füllen. „Wer heute nicht da war“, hält Schulleiter Ralph Gruber fest, „hat was verpasst.“

